Mittwoch, 11. Februar 2015

Nachtrag vom 21. Januar 2011

Olà,

Mal wieder ein sehr verspäteter Blogeintrag. Es tut mir ehrlich leid, dass ich das so schlampig angehe. Ich verspreche, dass ich versuche es zu ändern. Ich hoffe Ihr habt nicht schon aufgehört zu lesen.


Wow, wenn ich das letzte Mal meinte ich weiß nicht wo ich anfangen soll, dann war das eine Lüge. JETZT habe ich tatsächlich keine Ahnung.

Ich werde es mal so kurz wie möglich zusammenfassen:

Meine Großmutter in Nigeria ist letztes Jahr leider verstorben und ich hatte nicht die Gelegenheit auf der Beerdigung zu sein. Ich wusste seit langer Zeit, dass im Dezember 2014 eine Final Burial Ceremony stattfinden würde. Einer der Gründe, weshalb ich meinen Freiwilligendienst in Kamerun angetreten habe, denn Kamerun liegt direkt neben Nigeria.

Dank Ebola war mir das allerdings vergönnt. Die Grenzen waren dicht und es gab keine Möglichkeit irgendwie nach Nigeria zu gelangen. Mein Vater und ich telefonierten sehr sehr viel und diskutierten wie wir es möglich machen könnten. Bei unseren Gesprächen wollte er mir immer keine Hoffnungen machen und sagte: „Louisa, ich finde es toll, dass du kommen willst. Aber es gibt noch 1.000 andere Familienfeiern, das ist so riesig, da hat nicht mal jemand Zeit für dich.“ Was bei mir ankam war nur bla bla bla. Ich MUSSTE hin. Tatsächlich war es mir absolut wichtig und notwendig dort zu sein und die Chance zu haben mich zu verabschieden.

Ich kann mich noch gut an meinen Besuch 2009 erinnern. Ich war 13 und das Land hat mich quasi umgeknockt. Ich hab es zwar gar nicht richtig bemerkt, aber im Nachhinein war es mir klar. Hunderte neue Gesichter am Tag, die dich alle zu kennen scheinen und ich mitten in einer völlig fremden Kultur. Erst Jahre später ist mir das Gefühl gekommen, dass ich es doch tatsächlich verbockt habe. Ich probiere mir keine Vorwürfe zu machen, da ich 13 war. Aber Fakt ist, dass ich die Zeit mit meiner Familie nicht richtig genossen habe. Ich habe die Sprache nicht verstanden, mein Englisch war damals auch nicht auf dem gleichen Stand wie heute und vor allem bin in von Deutschland, ins Flugzeug und dann in die absolute Luxuswohnung meines Papas gekommen. Ich hatte gar kein Verständnis für all das, was da um mich herum passiert.

Vor allem mit meiner Oma war es sehr kompliziert. Sie konnte kein Englisch, ich kein Yoruba. Tatsächlich konnte ich nicht mit ihr reden. Damals ein Riesenproblem für mich. Ich habe Bilder auf denen ich auf ihrem Schoß sitze. Leider absolut verkrampft. Man sieht richtig, dass ich absolut überfordert war. Aber als ich mich verabschiedete, war mir klar, dass ich sie eventuell das letzte Mal sehen werde. Die nächste Nigeriareise war nach meinem Abitur geplant. Ich war so traurig beim Gedanken, sie nicht mehr zu sehen. Erst nach ein paar Jahren, in dem ich hoffentlich etwas reifer und erwachsener wurde, war mir klar, dass ich mir selbst die Möglichkeit auf eine unbeschreibliche Zeit verdorben habe. Ich habe mein Abi herbeigesehnt um das nachzuholen was ich verpasst habe.
Leider ist meine Oma im September 2013 aber gestorben. Und ich konnte nicht mal mitfliegen zur Beerdigung. Viele Leute sagten mir, dass es doch besser sei, denn ich kannte sie ja gar nicht so gut. Aber ich muss sagen, das ändert nichts an der Tatsache selbst.

Mittlerweile begreife ich, dass ich nicht in der gleichen Kultur aufgewachsen sein muss um meine Familie zu lieben. Es ist die Wärme und die Liebe, die sie mir entgegenbringen, die sie zu meiner Familie machen und nicht die Anzahl der Gespräche, die ich geführt habe. Ich bin wahrscheinlich auch in einige Fettnäpfchen getreten und niemand wird es mir übel nehmen.

All das hat den Wunsch nach Nigeria zu kommen nur noch größer gemacht. Jetzt war ich schon so nah und jetzt aufgeben? Nein. Zu meinem Glück wurde Nigeria dann für Ebolafrei erklärt. Die Grenzen waren trotzdem noch nicht offen. Mein Vater und ich setzten eine Deadline. Sind die Grenzen bis zum 21. November nicht offen, fliege ich nicht. Am 22. November öffneten sie sich. Ich hatte schon jede Hoffnung aufgegeben und schon ging die Planung los.
Jeder einzelne Direktor musste mir genehmigen nach Nigeria zu fliegen und 2 Wochen frei zu nehmen, der Inspector musste es ebenso genehmigen lassen, ich brauchte ein Visum (dafür mussten ich mindestens 8 h reisen), alle Dokumente für das Visum zusammenkriegen, packen und und und.

Am 3. Dezember bin ich dann los um das Visum zu beantragen, mein Ticket war auf den 8. Dezember ausgestellt. Glücklicherweise habe ich das Visum auch bekommen und bin am 8. dann tatsächlich geflogen. Ich kam abends an. Als ich meinen Vater gesehen habe, bin ich einfach nur noch gerannt. Es war toll ihn endlich wieder zu sehen.
Meine Zeit in Nigeria

Ich war fast 3 Wochen in Nigeria. Natürlich haben wir erst mal die Occasion vorbereitet. Mir wurden 2 Kleider geschneidert, wir haben Gastgeschenke vorbereitet, Kühe geschlachtet, gekocht, Getränke bestellt und abgeholt, Pavillons aufgebaut, Stühle und Tische vorbereitet, Container aufgestellt, eine Band organisiert und und und. Alles was ein Fest mit 3 Locations und ca. 1.500-2.000 Gästen halt so braucht. Zugegeben habe ich wirklich nichts getan. Ich war körperlich leicht am Ende und habe grundsätzlich geschlafen. Das Klima in Lagos ist echt zu hart für mich. Ich brauche etwas bis ich mich dran gewöhnen kann. Mein Vater war supergestresst und meine einzige Aufgabe war ihn etwas zu beruhigen. Letztendlich ist alles gut abgelaufen.

Ich bin unheimlich froh, dass ich da sein konnte. Selbst mein Vater meinte zu mir: „Sag mal, du willst echt unbedingt hier sein oder? Du könntest nicht glücklich sein, wenn du nicht hier wärst, oder?“ Dabei hat er absolut Recht. Es war toll.

Danach sind wir wieder nach Lagos. Ihr hättet mich mal erleben sollen, als ich in das Haus meines Vaters gekommen bin. Man muss dazu sagen, an dem Haus selbst hat sich seit 2009 rein nichts verändert. Es ist eine Waschmaschine und ein neuerer Kühlschrank dazugekommen. 2009 hatte ich das gleiche Haus als etwas ranzig in Erinnerung. Erstmal sind wir unser Estate langgefahren. Ein Estate ist eine Gemeinschaft von Häusern mit Tor am Anfang an der Security steht und man nur durch kann, wenn man jemanden im Estate kennt. Abgesehen davon, dass diese Idee alleine schon bonzig ist, sind die Häuser auch nicht schlecht, Lagos und Nigeria ist auch nicht gerade billig, mal davon abgesehen, dass es im Estate selbst auch teurer ist als sonst. Unser Haus ist nach deutschen Verhältnissen auch keine Villa. Aber mittlerweile habe ich eben auch schon andere Häuser gesehen und wie es auch aussehen kann. Selbst Leute, die viel verdienen, haben teilweise nicht so sauber verlegte und gepflegte Häuser. Die Fliesen in der Wohnung sind tiptop verlegt, das ganze Haus könnte genauso gut in Deutschland stehen. Ich bin völlig ausgetickt. Durchs Haus gerannt, alle Wasserhähne aufgedreht um zu testen, ob wir echt fließend Wasser haben. Dann habe ich die Waschmaschine gesehen und mich auf den Luxus gefreut, nicht mit der Hand waschen zu müssen, Ein Megakühlschrank stand auch in der Küche, genauso wie ein Toaster und eine Mikrowelle! Klingt für Euch wahrscheinlich ganz normal, ist es aber nicht. Absoluter Luxus. Mein Papa wusste nicht was mit mir geschehen ist, als hätte ich das erste mal sowas gesehen. Er hat mich gefragt, ob ich denn die gleiche Louisa wie vor ein paar Monaten sei und hat auch in den Tagen darauf immer wieder gestaunt, dass aus mir eine echtes „African Girl“ geworden ist.

Ich habe in Nigeria auch ein paar Tagen mit meinen Cousinen verbracht, damit ich nicht nur mitmeinem Papa abhänge und meine Familie mich auch mal richtig kennenlernen kann. Erst wusste ich nicht so recht über was wir reden können, aber später wollte ich gar nicht mehr weg. Es hat mich sehr an meine Cousine Toni in Deutschland erinnert. Toni ist mehr als nur meine Cousine, sie ist auch meine Freundin. Wenn wir zusammen sind wird nur gegiggelt und gechillt. Wir glotzen grundsätzlich stundenlang irgendwelche Serien und quatschen bis nachts um 4 vorm Einschlafen. Mit meinen Cousinen in Nigeria habe ich tatsächlich später das gleiche gemacht. Ich bin sehr froh, dass ich nicht nur bei meinem Papa geblieben bin, sondern auch eigenständig meine Erfahrungen machen konnte.

Weihnachten habe ich in Nigeria verbracht. Viele meiner Freunde machen gerade einen Freiwilligendienst im Ausland und jeder hat mich darum beneidet Weihnachten mit meiner Familie zu verbringen. Weihnachten ist einer der Momente, an dem man seine Familie am meisten vermisst, das ist ja klar.

Bei mir war es sehr interessant. Es fällt mir schwer in Weihnachtstimmung zu kommen wenn es draußen so heiß ist, dass man denkt man schmilzt schneller als jeder Schneemann. Aber es stimmt, dass es für mich anders war, denn ich hatte meine Familie um mich. Viele Leute kamen zu unserem Haus, wir haben
Rice and Stew gegessen. Abends sind wir dann mit meinen Cousinen in einen Club gegangen, der direkt am Strand lag, man konnte sozusagen beim Party machen drauf gucken. Am nächsten Tag bin ich dann auch wieder geflogen, es war eine tolle Zeit.


Ich fahre heute Abend nach Yaounde, die Hauptstadt um eine Carte de Séjour zu beantragen, das ist um einiges billiger als das Visum. Danach haben wir Zwischenseminar mit allen Freiwillige.

Jetzt noch ein paar Bilder für Euch und bis bald!







Vorbereitungen für das Fest. Es wird gekocht und es gab ultra viel Fleisch. Einen Tag lang wurde nur Essen zubereitet. Rechts unten seht Ihr einen Pavillion. Zu der Zeit fand dort gerade das Prayer für meine Oma statt. Das weiße Shirt mit dem Bild drauf ist das Familienshirt. Alle Kinder und deren Partner hatten eins. Drauf ist das Bild meiner Großeltern und der Spruch In unseren Herzen werdet ihr weiterleben.


25.12. Weihnachten. Meine Cousinen und Cousins, Tanten und Onkels - alle waren da und wir hatten einen tollen Tag. Mein Vater war natürlich auch dabei, im weißen Shirt mit meinem Cousin auf dem Arm.

Einer der Shoprites (eine Einkaufscenterkette) in Lagos. Dieser im Viertel Ikeja. Ich war ziemlich überrumpelt, das Ding ist riesig! Und es gibt nichts was man nicht darin findet. Von Apple Store über Lacoste bis hin zu Pfirsichen. Deutsche Preise oder um einiges teurer. Für sowas reicht mein Essensgeld lange nicht, aber um ehrlich zu sein braucht man es auch nicht. Man gönnt es sich ab und an und dann ist gut.
Das Wohnzimmer in unserem Haus in Lagos. Rechts etwas später zurück in Kamerun. Das ist das niedlichste Mädchen überhaupt, sie wohnt bei Ma Conffort. Ich gehe gleich mal vor der Schule hin.
























So, das war es erstmal von mir, heute ist Youth Day (11th of Februrary) und das heißt big party in ganz Kamerun, vor allem an den Schulen. Ich bin ganz gespannt und knipse ein paar Bilder für Euch und werde berichten. 

Bis bald,

Louisa



Kommentar veröffentlichen